Role and Reference Grammar

Die Role and Reference Grammar (RRG) ist eine strukturalistische und funktionale Grammatiktheorie, die von den beiden US-amerikanischen Sprachwissenschaftlern Robert D. Van Valin, Jr. und William A. Foley in den 1980er Jahren entwickelt wurde.

Allgemeine Charakterisierung

Die RRG ist eine der in Europa und den USA bekanntesten Grammatiktheorien der Gegenwart. Dies liegt nicht nur an der Vielzahl der von ihr beschriebenen Phänomene des einfachen und zusammengesetzten Satzes. Es liegt auch an dem Geschick, die drei Großbereiche der Grammatik Syntax, Semantik und Pragmatik in einer Theorie schlüssig zu verbinden. Nicht zuletzt hängt dies aber mit der Universalität bzw. der typologischen Adäquatheit dieser Theorie zusammen, die einen Beschreibungsapparat für möglichst viele, im Idealfall alle Sprachen weltweit bereitzustellen versucht.

Nach Van Valin ist die RRG eine struktural-funktionale Theorie („a ‚structural-functionalist theory of grammar‘“, Van Valin 1993:1). Damit liegt sie auf einem Kontinuum mitten zwischen extrem formalen und extrem funktionalen Theorien. Nach einer extrem formalen Theorie wie derjenigen, die den verschiedenen Versionen N. Chomskys zugrunde liegt, ist Sprache ein Inventar struktureller Beschreibungen von Sätzen, die die Lautgestalt und Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks bezeichnen. Sprache wird so auf Grammatik reduziert, wobei kein Platz mehr für kommunikative Funktionen und substantielle Semantik ist und Syntax als ein davon abgesetzter, autonomer Bereich gilt. Die radikale funktionale Konzeption etwa einer „emergent grammar“, die vor allem P. J. Hopper vertritt, liegt am anderen Ende des Kontinuums, indem sie die Saussure’sche Konzeption der Sprache als eines strukturellen Zeichensystems verleugnet und versucht, Grammatik auf Diskurs zu reduzieren. Sprache ist dann letztlich nur eine Ansammlung von fixierten Phrasen und formelhaften Ausdrücken, die durch verschiedene Informationsstrategien und Diskurs-Patterns kodiert werden. Zwischen beiden Extremen liegt die RRG. Gegenüber formalen Theorien betont die RRG, dass die grammatische Struktur nur in Bezug auf ihre semantischen und pragmatisch-kommunikativen Funktionen verstanden und erklärt werden kann: „Syntax is not autonomous“ (Van Valin 1993:2). Gegenüber dem rigiden Funktionalismus verwirft die RRG die Position, dass Grammatik zufällig und daher unlernbar sei, und behauptet demgegenüber, dass die Grammatik semantisch und pragmatisch bestimmt wird.

William A. Foley und Robert D. Van Valin, Jr. hatten gerade ihre Dissertationen über exotische Sprachen in Berkeley abgeschlossen, wobei eine eurozentrische Grammatik oft wenig weiterhalf (Foley 1976; Van Valin 1977), als sie in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre die Vorüberlegungen zu einer neuen Grammatiktheorie anstellten. Das erste Dokument war ein gemeinsam verfasster Aufsatz von 1977. Die RRG wurde also bei der Beschreibung der austronesischen, australischen und der Indianersprachen entwickelt. Systematische Konsistenz erlangte diese Theorie erst in der ersten Hälfte der 1980er Jahre. Bis zu dieser Zeit arbeiteten beide Linguisten zusammen. Später trat nur noch Van Valin mit Veröffentlichungen in Erscheinung, während Foley zu einem führenden Feldforscher und Typologen wurde[1].

An diesen Anfängen wird deutlich, was die RRG kennzeichnet: einerseits die Suche nach einer linguistischen Theorie, die eine Erklärungskraft auch für außereuropäische Sprachen besitzt wie besonders das nordamerikanische Lak(h)ota, das austronesische Tagalog und das australische Dyirbal, andererseits die Frage, wie das Verhältnis und Zusammenspiel von Syntax, Semantik und Pragmatik adäquat beschrieben werden könne.

Der Name dieser Theorie, Role and Reference Grammar oder deutsch: Rollen- und Referenz-Grammatik, geht auf die beiden großen Untersuchungsbereiche zurück: die Ebene der semantischen (Kasus-)Rollen und die Ebene der referentiellen oder pragmatischen Eigenschaften von Nominalphrasen, d. h. die Ebene der Reference Grammar, wie die Pragmatic Grammar in der Anfangsphase auch genannt wurde.

Quellen zu dieser Grammatiktheorie

Die früheste Veröffentlichung zur RRG ist ein gemeinsam von Foley und Van Valin verfasster Aufsatz zum Subjektsbegriff in der Universalgrammatik, der 1977 erschien. Außer drei Darstellungen der Theorie von normalem Umfang (Foley & Van Valin 1980; Van Valin 2001, Van Valin ca. 2009) und einer längeren Exposition der Theorie (Van Valin 1993) ist die erste größere Zusammenfassung der RRG ein gemeinsam von W. Foley und R. Van Valin verfasstes Buch (Foley & Van Valin 1984), das allerdings in manchen Punkten noch einen älteren Stand widerspiegelt und daher stets zusammen mit neueren Publikationen benutzt werden sollte. Den Entwurf einer so genannten typologischen Grammatik bildet ein späteres Buch (Van Valin & LaPolla 1997), zweifellos die wichtigste, weil umfassendste Veröffentlichung zur RRG. Eine aktualisierte Version ist das 2005 veröffentlichte Buch von Van Valin. Den folgenden Abschnitten 3 bis 6 liegen die beiden Darstellungen von Foley & LaPolla 1997, Van Valin 2001 und Van Valin 2009 zugrunde. Einige englische Termini wurden nicht übersetzt, um möglichst keine terminologische Verwirrung zu stiften.

Die semantische Analyse der Satzstruktur

In der RRG ist die Semantik die wichtigste Beschreibungsebene des Satzes, auch wenn die Syntax eine gewisse Eigenständigkeit behält und nicht völlig auf die Satzebene wie in der Generativen Semantik reduziert werden kann. U.a. gilt es, semantische Inkompatibilitäten (Sätze wie „Der Mond zündete sich mit dem Frieden eine Überraschung an“) analytisch als unakzeptabel zu erweisen und umgekehrt die semantische Akzeptabilität eines sinnvollen Satzes zu sichern.

Grundlegend ist für eine semantische Satzanalyse eine auf Z. Vendler (1967) und D. Dowty (1979) zurückgehende Typologie von vier Arten von Sachverhalten (States of affairs) nach den semantischen Parametern von Dynamik und Kontrolle:

a. Situation
b. Event
c. Process
d. Action

Diesen Sachverhaltstypen entsprechen Aktionsarten, die um „semelfactives“ und „active accomplishments“ erweitert wurden. Aktionsarten sind die inhärenten temporalen Eigenschaften von Verben und insofern linguistische Eigenschaften, während sich die Sachverhalte auf Außersprachliches beziehen. Zu jeder dieser sechs Aktionsarten-Typen gibt es ein kausatives Gegenstück. Dadurch entstehen zwölf semantisch definierte Aktionsarten[2]:

Die zwölf Aktionsarten (Englische Beispiele)

a. State (Zustand): The boy fears the dog.
a’. Causative state (kausativer Zustand): The dog frightens/scares the boy.

b. Achievement (Geschehen): The balloon popped.
b’. Causative achievement (kaus. Geschehen): The cat popped the balloon.

c. Semelfactive (wiederholtes, punktuelles Geschehen): The light flashed.
c’. Causative semelfactive (kaus. wied. punkt. Geschehen): The conductor flashed the light.

d. Accomplishment (Vorgang): The ice melted.
d’. Causative accomplishment (kaus. Vorgang): The hot water melted the ice.

e. Activity (Handlung): The dog walked in the park.
e’. Causative activity (kaus. Handlung): The girl walked the dog in the park.

f. Active accomplishment (aktiver Vorgang): The dog walked to the park.
f’. Causative actives accomplishment(kaus. aktiver Vorgang): The girl walked the dog to the park.

Es gibt (nach Dowty) fünf Tests, um bei einem konkreten Verb zu bestimmen, welche Aktionsart es hat (z. B. kommt/kommt nicht mit einer progressiven Verbform vor (- statisch, - punktuell; nur in Sprachen wie dem Englischen, Spanischen und Isländischen), kommt/kommt nicht mit Adverbien wie schnell, langsam usw. vor (+- dynamisch), kommt/kommt nicht mit X in einer Stunde vor (+- telisch);[3]).

Angelpunkt dieser Aktionsartenlehre ist das Verb, das so auch in semantischer Hinsicht das wichtigste Satzglied ist. Die semantische Repräsentierung eines Satzes beruht auf der lexikalischen Struktur der Verben. Wichtig ist in der RRG gegenüber anderen Theorien, dass der lexikalische Eintrag eines Verbs keine Liste thematischer Kasusrollen enthält. Die RRG verwendet vielmehr ein System der lexikalischen Dekomposition, um auf der Basis der Aktionsarten die Verbbedeutungen in einer Metasprache auf wenige Prädikate (im logischen Sinne) zurückzuführen und verwandte Bedeutungen auf grammatische Modifikationen der Prädikate im Sinne der Aktionsarten zurückzuführen. So haben sterben und töten die dekompositionelle Struktur: y wird tot (das Prädikat); x verursacht [y wird tot][4]. Diese in metasprachlicher Terminologie vollzogene Analyse ist sprachübergreifend und gilt etwa sowohl für das Englische, das Deutsche und das Lateinische als auch für das Georgische. So stehen grammatische Modifikatoren wie BECOME (‚werden’) für einen temporalen Wechsel und CAUSE (‚verursachen’) für eine kausative Beziehung zwischen zwei Prädikaten. Ein einfacher transitiver Satz würde nach der Darstellung der RRG folgende semantische Struktur haben:

a) Der Junge zerbrach das Glas

b) [do′ (Junge, Ø)] CAUSE [BECOME broken′ (Glas)]

Ein solches System macht die semantische und lexikalische Analyse griffiger, weil nur die primitiven Prädikate definiert werden müssen, nicht aber die grammatischen Elemente der Bedeutungen wie BECOME und CAUSE. So braucht bei den schon zitierten drei Verben desselben Wortfeldes Tod sterben, töten und tot sein (oder im Lateinischen mori, interficere und mortuum esse oder im Georgischen mok’vda u. daixoca vs. movk’ali u. davxoce oder im Althebäischen muth vs. qatal) nur das Prädikat tot definiert zu werden (etwa als (- lebend)), während die übrigen beiden Verben leicht als semantische Derivate beschreibbar sind. Außerdem wird zwischen der Kernbedeutung unterschieden, die Eingang ins Lexikon findet, und ihren kontextuellen Abwandlungen (z. B. essen gegenüber eine Scheibe Pizza essen), die sich aus der konkreten Sachverhaltsanalyse ergibt. Polyseme Verben haben mehrere lexikalische Einträge.

Mit der dekompositionellen Analyse, die einen Kernbereich der semantischen Analyse der RRG bildet, wird auch die Zuordnung der Verben zu den Aktionsarten leichter möglich. Umgekehrt kann diese Typologie mit der lexikalischen Dekomposition analytisch klar beschrieben werden, wie die folgende Tabelle aus Van Valin & LaPolla (1997:109) zeigt:

Verb class - Logical structure

State: predicate′ (x) or (x, y)

Activity: do′ (x, [predicate′ (x) or (x, y)])

Achievement: INGR predicate′ (x) or (x, y), or

INGR do′ (x, [predicate′ (x) or (x, y)])

Accomplishment: BECOME predicate′ (x) or (x, y), or

BECOME do′ (x, [predicate′ (x) or (x, y)])

Active Accomplishment: do′ (x, [predicate1 (x, (y))] & BECOME predicate2 (z, x) or (y)

Causative: α CAUSE β, where α, β are LSs of any type

Die Partizipanten oder Argumente der einzelnen Sachverhaltstypen werden sprachlich durch verschiedene Arten von Nominalphrasen wiedergegeben. Diese Rollenstruktur beruht dabei auf dem „inherent lexical content“ (M. Silverstein), d. h. auf Person, Numerus, Menschsein, Belebtheit und Konkretheit. Ferner ist bei dieser Konzeption der Ausdruck der verschiedenen Rollen wichtig, welche die Partizipanten in verschiedenen Situationen spielen können.

Das in der RRG grundlegende System unterscheidet zwischen semantischen Makrorollen, d. h. zwischen Partizipanten, welche die durch die Prädikation bezeichnete Situation ausführen, bewirken, ins Werk setzen oder kontrollieren, und solchen Partizipanten, die dies alles nicht tun. Der erste Typ ist der Täter („Actor“), der zweite Typ der Erleidende oder der In-Mitleidenschaft-Gezogene („Undergoer“). Gegenüber diesen beiden Makrorollen haben die auf Charles Fillmore zurückgehenden Kasusrollen wie Agent, Patient, Experiencer in der RRG keinen spezifischen theoretischen Status. Sie sind Bezeichnungen für Argument-Positionen in logischen Strukturen und ergeben sich aus der Bedeutung des Verbs. Während man ohne einen syntaktischen Kontext vom Verb aus diese Kasusrollen voraussagen kann, ist dies umgekehrt nicht von einer Nominal- oder Präpositionalphrase aus möglich: „since the role of a participant is a function of the state of affairs it is involved in, the semantic function of an argument referring to a participant should follow from the representation of the verb or any other predicate coding the state of affairs.“[5].

Die Wahl der semantischen Makrorollen des Actor und des Undergoer legt die Perspektive fest, aus der die Situation (mit der die unterschiedlichen Sachverhaltstypen allgemeiner bezeichnet werden) beschrieben wird. Dabei ist der Actor nicht einfach mit dem syntaktischen Subjekt gleichzusetzen, wie leicht ein englisches Satzpaar eines Aktiv- und Passivsatzes zeigt, wo in dem Passivsatz nicht das syntaktische Subjekt, sondern die by-Phrase der Actor ist. Die Opposition von Actor und Undergoer zeigt sich am besten in transitiven Sätzen, wo der Actor das Subjekt und der Undergoer das direkte Objekt ist. Sie ist grundlegend für die semantische Kasusstruktur des Satzes.

Typologisch gesehen sind die beiden Grundkategorien Actor und Undergoer universell, während die semantischen Kasusrollen wie Agens, Patiens und Experiencer einzelsprachliche Kategorien sind und in der Zahl variieren können. Sie sind daher für die RRG von geringem Interesse. (Ähnliches gilt übrigens für die syntaktischen Kategorien Subjekt, direktes und indirektes Objekt.)

Die pragmatische Analyse der Satzstruktur

„Das zweite, größere System in der Satzebenengrammatik befasst sich mit der Organisation des Satzes in Begriffen der Diskursrolle seiner Konstituenten.“ (FVV 1980: 338 übers.) Während Foley und Van Valin dieses System zunächst „referential structure“ nannten, wurde es später als pragmatische Struktur des Satzes bezeichnet. (Dies erklärt auch die Bedeutung des zweiten Begriffs in der Bezeichnung Role and Reference Grammar.) Dieser späteren Fassung liegt maßgeblich der Ansatz von Knud Lambrecht (1986; 1994) zugrunde. Bei dem Bemühen, die Grammatikalität und die Akzeptabilität von Sätzen zu sichern, versucht die Pragmatik, Störungen der Informationsübertragung zu erkennen. Solche Störungen kommen dadurch zustande, dass eine Äußerung im falschen Kontext steht oder die Referenz fehlerhaft ist. So ist der Satz Ihr sagte er nichts unakzeptabel, wenn er am Textanfang steht, sodass die beiden Personalpronomina keinen Referenzbezug haben. Bei der pragmatischen Analyse versucht die RRG vor allem auf die kontextuelle Angemessenheit zu achten.

Die wichtigsten Termini sind das Begriffspaar topic und focus, das im Sinne des pragmatischen Ansatzes von K. Lambrecht (1994) verwendet wird. So bedeutet topic “that entity which the sentence or proposition is about.”[6] und ist insofern das Thema einer größeren sprachlichen Einheit. Dagegen meint focus “the semantic component of a pragmatically structured proposition whereby the assertion differs from the presupposition.”[7]

Beide Begriffe, die erstmals von der Prager Linguistenschule und dabei besonders von J. Firbas verwendet wurden, bilden in vielen neueren Theorien und u. a. in der Functional Grammar von Simon C. Dik zentrale Parameter (anders die Functional Discourse Grammar, nach der beide Begriffe nicht komplementär seien[8]). Nach der RRG sind topic und focus in Anlehnung an Lambrecht „the two primary information statuses that referring expressions may have in an utterance“[9]. Die RRG unterscheidet wie Lambrecht verschiedene Formen von Fokusstrukturen: den Prädikats-Fokus (predicate focus), den Satz-Fokus (sentence focus) und den engeren Fokus (narrow focus[10]). Bei dem ersten Typ, dem unmarkierten Fall, befindet sich ein topic, wobei das Prädikat einen Kommentar (comment) über das topic ausdrückt: Q.: What happened with your car? – A.: My car/It broke DOWN. In einem Satzfokus ist der gesamte Satz Fokus, sodass kein topic vorhanden ist: Q.: What happened? A.: My CAR broke down. Im Gegensatz dazu beschränkt sich in einer narrow-focus-Domäne der Fokus auf einen einzelnen Konstituenten: Q.: I heard your motorcycle broke down. A.: My CAR broke down.

Die pragmatische Struktur wird entweder durch Kasusmarkierung (so im Deutschen) oder durch Wortstellung markiert (so im Englischen), wobei Kasusmarkierung jede morphologische Markierung meint, die die grammatische Funktion oder die pragmatische Auffälligkeit oder beides bei einer Nominalphrase in einem Satz bezeichnet. Da die pragmatische Struktur ein zweites System der Satzorganisation ist, fragt es sich, ob es Beziehungen zum System der Rollenstruktur gibt. Auch wenn beide Systeme unabhängig voneinander sind und die Wahl des Actors nicht pragmatisch bestimmt ist, gibt es eine Interaktion, die z. B. besagt, dass der Actor die unmarkierte Wahl des focus ist und für das Englische eine Hierarchie vom Actor über den Undergoer zu anderen Konstituenten verläuft: ACTOR > UNDERGOER > OTHER.

Wichtig ist, dass die RRG auch die pragmatische Struktur in den Satzbildern graphisch veranschaulicht. Dabei wird die Fokusstruktur separat als eine Projektion abgebildet. Beispiele für solche Satzbilder finden sich beispielsweise in Van Valin & LaPolla (1997:215-217).

Es gibt einige intraklausale und interklausale Tests, mit denen festgelegt werden kann, ob eine Sprache eine pragmatische Struktur hat oder nicht. Diese Test sind: die Subjektswahl, die nicht semantisch bestimmt sein darf, das Vorhandensein von Passiv- und Antipassiv-Konstruktionen, die Relativsatzbildung und die Tilgung bei Koreferentialität in Komplementsatz-Konstruktionen. Foley und Van Valin weisen mit solchen Tests negativ nach, dass neben vielen anderen Sprachen Choctaw eine Sprache ist, die keine pragmatische Struktur habe. Auch einige andere Sprachen ohne pragmatische Struktur werden genannt. Wenn solche Sprachen über eine formale Passiv- und Antipassiv-Konstruktion verfügen, haben diese Systeme eine andere Funktion, z. B. die Unterdrückung des Actors und Undergoers.

Die syntaktische Analyse der Satzstruktur

Wichtig sind für die RRG im Bereich der Syntax die grammatischen Relationen, die Nomina gegenüber dem Verb einnehmen. Diese Theorie hat eine völlig andere Haltung gegenüber diesen grammatischen Relationen als andere Theorien. Vor allem wegen bestimmter Beschreibungsschwierigkeiten in außereuropäischen Sprachen schreibt die RGG den traditionellen Relationen Subjekt, direktes und indirektes Objekt keine sprachübergreifende Gültigkeit zu und verwendet die Begriffe daher nicht als theoretische oder analytische Konstrukte. Diese andere Haltung gegenüber den traditionellen Satzgliedern wird auch deutlich bei den verschiedenen syntaktischen Operationen wie der Formulierung des Passivs und Antipassivs, den Regeln der Kasuszuweisung und der Kongruenzregel, die sich alle auf die beiden semantischen Makrorollen beziehen. Universal sind dagegen der Nukleus eines Satzes, ein prädikatives Argument und die Argumente, die normalerweise Nominalphrasen sind. Da diese Satzkonstituenten aber semantisch definiert sind (s. o. Abschnitt 3), liegt die Universalität der RRG im Bereich der Semantik (vgl. Wikipedia-Artikel Robert D. Van Valin, Jr.).

Stattdessen hat die RRG eine konstruktionsspezifische Konzeption grammatischer Relationen und postuliert nur eine einzige Relation, das privilegierte syntaktische Argument („privileged syntactic argument“). Dieser Begriff umfasst auch sog. syntaktische Angelpunkte („syntactic pivots“), z. B. die Kontrolleure für Verb-Kongruenz oder die Vorläufer von reflexiven Wörtern. Es gibt auch eine Hierarchie für die Wahl des privilegierten syntaktischen Argumentes, die der Actor-Undergoer-Hierarchie entspricht. Ebenso gibt es Selektionsprinzipien („selection principles“) für syntaktische Akkusativ-Konstruktionen und für syntaktische Ergativ-Konstruktionen.

Hinzu kommt die in den syntaktischen Operationen zum Ausdruck kommende Überzeugung, dass die semantische Ebene einschließlich der Bestimmung der Makrorollen universal ist, während die syntaktische Ebene, die die Formgebung der semantischen Kasusrollen meint, einzelsprachlich bleibt. All dies zeigt auch, dass die Syntax in der RRG kein autonomer Bereich ist, sondern semantischen Regeln unterliegt.

Bei der konkreten Satzanalyse geht die RRG davon aus, dass nur diejenigen Züge erfasst werden, die universal sind. Zum Beispiel scheidet die Verbalphrase als universale Größe aus. Daher verwirft die RRG auch die auf grammatischen Relationen beruhenden Repräsentationen der Relational Grammar und der Lexical Functional Grammar sowie die Konstituentenstrukturen des X-Bar-Typs, weil sie nicht universal begründet seien.

Wie fast alle neueren Syntaxtheorien verwendet die RRG Baumgraphen zur Veranschaulichung von Satzstrukturen. Dabei verbindet das Satzbild Aspekte der Konstituenz und der Dependenz, indem es Konstituenten darstellt, von denen einige semantische Argumente sind. Hinzu kommen sog. Operatoren, die die grammatischen Morpheme Aspekt, Tempus, Negation und illokutive Kraft in einem Satzbild repräsentieren, das dann nach Konstituenten-Projektion und Operatoren-Projektion differenziert ist. Das privilegierte syntaktische Argument hat keine direkte strukturelle Repräsentanz; es ist daher mehr eine Eigenschaft des verbindenden Algorithmus als der Satzstruktur. Die RRG nimmt für jeden Satz nur eine einzige syntaktische Repräsentation an, die der Oberflächenform des Satzes entspricht. Dabei gibt es keine abstrakten Repräsentationen wie in der Lexical Functional Grammar oder tiefer liegende Ebenen der Repräsentation wie in der Transformationsgrammatik, der Relational Grammar und der Government and Binding-Theorie. Viele Satzbeschreibungen der RRG haben u. a. einen heuristischen Wert, weil sie die Zuordnung von Sprachen zu bestimmten Typen ermöglichen.

Die Analyse komplexer Sätze

Anders als manche anderen neueren Grammatiktheorien schenkt die RRG auch komplexen Satzstrukturen große Aufmerksamkeit. Sie unterscheidet dabei zwischen verschiedenen Arten der Satzverknüpfung, die Nexus-Relation genannt wird, und außer Koordination und Subordination auch die Kosubordination umfassen, die vorliegt, wenn abhängiger und Matrixsatz wichtige Operatoren wie Aspekt teilen oder wenn switch reference zwischen beiden Satzeinheiten besteht. Gleichzeitig kann die Satzverknüpfung auf verschiedenen Ebenen des Satzes geschehen: „There are only three types of units involved in complex sentences in universal grammar, and these are the clause, the core and the nucleus“[11]. Die Art der Integration des abhängigen Satzes in den Matrixsatz bildet eine Hierarchie von clausal coordination als der geringsten Integration bis zur nuclear cosubordination als der engsten Integration[12]:

Abbildung: Die Hierarchie interklausaler syntaktischer Relationen (Interclausal syntactic relations hierarchy)

Ebenen und Satzverbindung  Beispiele	                                       Grad der Integration
Nucleas Cosubordination:   Max made the woman leave. 	                       Strongest: Tightest integration into a single unit
Nuclear Subordination:	   z. B. im Koreanischen	
Nuclear Coordination:	   F: Je ferai manger les gâteaux à Jean.	
Core Cosubordination:	   Ted tried to open the door.	
Core Subordination:	   David regretted Amy’s losing the race.	
Core Coordination:	   Louisa told Bob to close the window.	
Clausal Cosubordination:   Harry ran down the hall laughing loudly.	
Clausal Subordination:	   John persuaded Leon that Amy had lost.	
Clausal Coordination:	   Anna read for a few minutes, and then she went out. 	Weakest: Least integration into a single unit

Diese syntaktischen Satzverknüpfungsrelationen werden verwendet, um gewisse semantische Relationen zwischen den Einheiten der Verknüpfung auszudrücken. Solche semantischen Relationen sind z. B. Kausalität, Absicht und zeitliche Folge.

Ferner werden etwa auch Operatoren und Fokusstrukturen in komplexen Sätzen (Van Valin & LaPolla 1997:455-68; ebd.:484-92) und die Verbindung von syntaktischen und semantischen Repräsentationen beschrieben (Van Valin 1993:124-51). Wie schon bei den pragmatischen Fokusstrukturen verwendet die RRG zur Analyse komplexer Sätze entsprechende Satzbilder[13].

Das Verhältnis der RRG zu anderen Theorien

Wie aus den obigen Ausführungen deutlich geworden sein dürfte, unterscheidet sich die RRG in vielen Punkten empirisch und konzeptionell von vielen anderen linguistischen Theorien. Gleichwohl steht sie in indirekter oder kritischer Nachfolge der Generativen Transformationsgrammatik, weil sie einerseits von der Generativen Semantik und der Kasustheorie direkt abhängig ist, die ihrerseits beide von der Transformationsgrammatik her kommen, und weil sie andererseits sich deutlich von der Transformationsgrammatik unterscheidet. Auch von der Relational Grammar ist die RRG beeinflusst, die ebenfalls auf die Transformationsgrammatik zurückgeht. Dennoch unterscheidet sich diese funktionale Theorie in einigen nicht unwesentlichen Punkten von der Transformationsgrammatik und ihren Nachfolgerinnen bis hin zur X-Bar-Theorie und zur Government-Binding-Theorie: vor allem im Verzicht auf die Autonomie der Syntax zugunsten einer von Semantik und Pragmatik gesteuerten Syntax-Konzeption und in einer Reduktion der syntaktischen Analyse auf die syntaktische Oberfläche.

Eng verwandt ist die RRG aber mit der Functional Grammar von Simon C. Dik, mit der es von Anfang an Austausch gab: In dem Buch von 1984 wurde Diks Standardwerk von 1978 zitiert; seine ursprüngliche Theorie der Satzebenen (clause layering) wurde von der RRG inspiriert. Gemeinsamkeiten der RRG und der FG sind: Beide Theorien streben eine typologische Adäquatheit an, in beiden Theorien gelten die Semantik und Pragmatik als primäre Bereiche der Sprachbeschreibung. Beide Theorien setzen für die Satzanalyse eine vierfache semantische Typologie von Prädikatsrahmen an, und beide Theorien erklären, wenn auch mit z. T. feinen Unterschieden, die pragmatische Struktur eines Satzes und Textes mit dem gleichen Konzept von bekannter Mitteilung (Topic) und wichtigster Information (Focus). Dennoch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen beiden Theorien: Die FG hat keine wirkliche Syntax oder syntaktische Repräsentierung, ihr Satzebenenmodell ist semantisch, während dasjenige der RRG syntaktisch ist.

Dagegen ist die RRG weniger eng mit der neueren und von der Functional Grammar abgeleiteten Functional Discourse Grammar verbunden. Neben allgemeinen Gemeinsamkeiten (Funktionaler Ansatz, Semantik und Pragmatik als zentrale Beschreibungsebenen) sind zwei Hauptunterschiede sind, dass bei der RRG die Semantik der wichtigste Beschreibungsbereich ist, während bei der Functional Discourse Grammar die Pragmatik wichtiger ist, und dass die letztere Theorie stärker in Ebenen und Komponenten konzipiert ist.

Gegenwärtige und zukünftige Trends

Die RRG wird in der linguistischen Forschung bis heute viel analysiert und weiterentwickelt[14]. Van Valin hat ein Forschungsstipendium von der Max-Planck-Gesellschaft, um eine Forschungsgruppe über Syntax, Typologie und Informationsstruktur für fünf Jahre beim Max-Planck-Institut in Nijmegen zu finanzieren. Beträchtliche Arbeit geschieht bei der Einbindung der RRG in Computer-Programme. Um diese Forschung zu erleichtern, wurden Konferenzen eingeführt, die seit 1999 jährlich in Universitätsstädten weltweit stattfinden, beispielsweise in Santa Barbara 2001, in Taipeh 2005 und in Leipzig 2006 (vgl. ersten Weblink). Nicht nur haben Anhänger dieser Theorie im Bereich der Universalien und der Sprachtypologie gearbeitet, sondern auch wie die Vertreter der Lexical Functional Grammar versucht, ihre Theorie in eine sprachpsychologische Theorie des Sprachverstehens und der Spracherzeugung einzubauen. Und wie für Anhänger des Principles and Parameters-Ansatzes ist für sie die Frage des Spracherwerbs von großem Interesse, wenn sie auch nicht die Existenz eines autonomen Spracherzeugungsapparates annehmen.

Drei neuere Sammelbände verdienen hier besondere Beachtung:

  • Van Valin (Hg.): Investigations of the syntax-semantics-pragmatics interface. 2008, Amsterdam
  • Kailuweit u. a. (Hgg.): New applications of Role and Reference Grammar. 2008, Cambridge
  • Guerrero u. a. (Hgg.): Studies in Role and Reference Grammar. 2009, Mexico City

Diese sich nun über 30 Jahre ohne größere Revisionen behauptende Grammatiktheorie hat einige Vorteile, die ihre weitere Verbreitung begünstigen dürften: Sie hat einen relativ einfachen formalen Beschreibungsapparat. Sie berücksichtigt die Komponenten Syntax, Semantik und Pragmatik halbwegs gleichwertig, auch wenn die letzten beiden ein leichtes Übergewicht bekommen. Sie versucht viele, möglichst alle natürlichen Sprachen zu beschreiben. Als einen Nachteil könnte man es aus europäischer Sicht empfinden, dass die traditionellen Satzgliedbegriffe Subjekt und Objekt, die hier als einzelsprachliche Parameter stigmatisiert werden, keine große Geltung in dieser Theorie haben. Andererseits führt die Auflösung des herkömmlichen Subjektsbegriffs in Ergativsprachen entweder zum Verzicht auf eine universale Grammatikkomponente oder zur Übernahme einer Grammatiktheorie wie der RRG, die jedoch auch Zugeständnisse und Umdenken erfordert. Solange sich die typologische Forschung empirischer und theoretischer Art weiter im Vormarsch befindet, sind Theorien wie die RRG und die Funktionale Grammatik ideale Beschreibungsapparate.

Literatur

Primärliteratur

  • William A. Foley & Robert D. Van Valin, Jr.: On the viability of the notion of „subject“ in universal grammar. In: Proceedings of the Third Annual Meeting of the Berkeley Linguistic Society. Berkeley 1977, S. 293–320.
  • FVV 1980: William A. Foley & Robert D. Van Valin, Jr.: Role and Reference Grammar. In: E.A. Moravscik & J. A. Wirth (Hrsg.): Current approaches to syntax. New York: Academic Press 1980, S. 329–352.
  • William A. Foley & Robert D. Van Valin, Jr.: Functional syntax and universal grammar. Cambridge 1984.
  • Robert D. Van Valin: A synopsis of Role and Reference Grammar. In: Robert D. Van Valin, (Hrsg.): Advances in Role and Reference Grammar. 1993, S. 1–164.
  • Robert D. Van Valin, Jr. & Randy J. LaPolla: Syntax: Structure, meaning, and function. Cambridge University Press, Cambridge 1997.
  • Robert D. Van Valin, Jr.: An introduction to syntax. Cambridge 2001, S. 205–218.
  • Robert D. Van Valin, Jr.: Exploring the Syntax-Semantics Interface. Cambridge: Cambridge University Press 2005.
  • Robert D. Van Valin, Jr.: An Overview of Role and Reference Grammar. 2009 (PDF; 858 kB auf buffalo.edu)

Sekundärliteratur

  • Simon C. Dik: Functional Grammar. Dordrecht 1978.
  • David Dowty: Word Meaning and Montague Grammar. Dordrecht 1979.
  • William A. Foley: Comparative syntax in Austronesian. Unpublished doctoral dissertation. University of California, Berkeley 1976.
  • William A. Foley: The Papuan languages of New Guinea. Cambridge 1986.
  • Lilián Guerrero, Sergio Ibáñez Cerda & Valeria A. Belloro (Hrsg.): Studies in Role and Reference Grammar. Mexiko-Stadt 2009.
  • Rolf Kailuweit, Björn Wiemer, Eva Staudinger & Ranko Matasović (Hrsg.). New applications of Role and Reference Grammar. Cambridge 2008.
  • Knud Lambrecht: Topic, Focus, and the Grammar of Spoken French. Dissertation. University of California, Berkeley, 1986
  • Knud Lambrecht: Information Structure and Sentence Form: Topic, Focus, and the Mental Representations of Discourse Referents. Cambridge University Press, 1994
  • Robert D. Van Valin, Jr.: Aspects of Lakhota syntax. Unpublished doctoral dissertation. University of California, Berkeley 1977.
  • Robert D. Van Valin, Jr.: Recent Developments in the Role and Reference Grammar Theory of Clause Linkage. In: Language and Linguistics. 8, 2007, S. 71–93.
  • Robert D. Van Valin, Jr. (Hrsg.): Advances in Role and Reference Grammar. Benjamins, Amsterdam 1993.
  • Robert D. Van Valin, Jr. (Hrsg.): Investigations of the syntax-semantics-pragmatics interface. Amsterdam 2008.
  • Robert D. Van Valin, Jr. & David P. Wilkins: Predicting syntactic structure from semantic representations: remember in English and Mparntwe Arrernte. In: Van Valin (Hrsg.): Advances in Role and Reference Grammar. 1993, S. 499–534.
  • Zeno Vendler: Linguistics in philosophy. Ithaca/New York 1967.
  • Ausführliche Bibliographie unter: Role and Reference Grammar [Bibliography]. Version: 12. November 2009, online auf buffalo.edu, (Stand: 12. November 2009, PDF (englisch); 1,1 MB)

Weblinks

  • Offizielle Plattform der RRG (Stand: 1. September 2009), darin u. a. ein „Overview of RRG“, eine „Bibliography of Work in RRG“, ein Überblick über Conferences 1999–2009 und eine Anleitung, mit einem Graphikprogramm (RRGDraw) Satzbilder zu erstellen
  • Webpräsenz von R.D. Van Valin an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, Stand: 1. September 2009
  • Webpräsenz von R.D. Van Valin an der University of Buffalo, Stand: 1. September 2009

Einzelnachweise

  1. vgl. z. B. Foley 1986
  2. vgl. Van Valin 2009: 10
  3. Van Valin & LaPolla 1997:94
  4. vgl. Van Valin & LaPolla 1997:90
  5. Van Valin & LaPolla 1997:90
  6. Lambrecht 1986:84; vgl. Van Valin 1993: 23
  7. Lambrecht 1994: 213, vgl. Van Valin & LaPolla 1997: 202
  8. K. Hengeveld u. a. (2008). Functional Discourse Grammar. Oxford: 92
  9. Van Valin 1993:23
  10. Van Valin & LaPolla 1997:206-209
  11. Van Valin 1993:106
  12. Van Valin 1993:110; Van Valin & LaPolla 1997:455
  13. Van Valin & LaPolla 1997:458f.461.463-67
  14. s. etwa Van Valin 2007 sowie die ausführliche Bibliographie der RRG von 2008