Imperium (Kracht)

Imperium ist ein 2012 erschienener Roman des Schweizer Schriftstellers Christian Kracht. Er erzählt die Geschichte des deutschen Aussteigers August Engelhardt, der sich nach Deutsch-Neuguinea aufmacht, um dort eine Kokosplantage zu betreiben. Als fanatischer Vegetarier verehrt Engelhardt die Kokosnuss als eine göttliche Frucht und strebt danach, seine Ideologie des Kokovorismus missionarisch zu verbreiten.

Inhalt

Erster Teil

August Engelhardt reist Anfang des 20. Jahrhunderts in die damalige Kolonie Deutsch-Neuguinea, um dort eine Kokosplantage zu kaufen. Sein erklärtes Ziel: sich als bekennender Vegetarier ausschließlich von der Kokosnuss zu ernähren.

Im wilhelminischen Deutschen Reich erfährt er für seine Ansichten und Pläne außerhalb eines engen Bewundererkreises nur Ablehnung. Als Nudist wird Engelhardt mehrfach verhaftet und verlacht. Er bricht daraufhin mit einer Summe Geldes in die Südsee auf und beabsichtigt dort, eine Gemeinschaft von Sonnenjüngern zu gründen. Auf der Überfahrt, bei einem Halt in Ceylon, begegnet er dem Tamilen Govindarajan, in dem er einen geistigen Verbündeten sieht. Govindarajan lockt ihn aber auf einem gemeinsamen Ausflug in eine Tempelhöhle und beraubt ihn eines Großteils seiner finanziellen Reserven.

Ungeachtet des Verlustes reist Engelhardt weiter und kauft der Großgrundbesitzerin Emma Kolbe die für sie wertlose Insel Kabakon zur Bewirtschaftung als Kokosnuss-Plantage ab. Auf der Insel stellt Engelhardt Eingeborene als Arbeiter ein und erntet Kokosnüsse mit der Absicht, sie ins Deutsche Reich zu exportieren. Da Engelhardt weder über Geld noch Mittel verfügt, die Insel zu bezahlen, noch, die Arbeiter zu entlohnen, beleiht er die Gewinne seines Handels auf Jahre, da Geld für ihn keine Bedeutung hat.

August Engelhardt (stehend) mit Max Lützow

Schon bald kündigt sich Aueckens, ein Jünger aus Deutschland, an, der beabsichtigt, sich Engelhardts Kult anzuschließen. Nach anfänglicher Euphorie und philosophischen Gesprächen entfernen sich die beiden Charaktere jedoch immer mehr. Als Aueckens schließlich Engelhardts Arbeiter Makeli vergewaltigt, kommt er zu Tode. Die Erzählung schildert ambivalent verschiedene Szenarien hinsichtlich der Todesursache, jedoch mit einer bevorzugten Implikation: Engelhardt greift zu einer Kokosnuss und erschlägt Aueckens. Der Mord wird als Unfall getarnt und bald vergessen.

Zweiter Teil

Auf der Suche nach Gleichgesinnten reist Engelhardt auf die Fidschi-Inseln, um den ebenfalls ausgewanderten Mittenzwey aufzusuchen. Mittenzwey, der vorgibt, Lichtesser zu sein, wird von Engelhardt als Lügner enttarnt. Auch Govindarajan trifft er in der Gemeinschaft an, verzichtet aber auf Vergeltung des Raubes und öffentliche Bloßstellung Mittenzweys und reist zurück nach Kabakon.

Als der hypochondrische Klavier- und Violinenspieler Max Lützow zur Gemeinde stößt, beginnt eine Lebensgemeinschaft der beiden Kokosnuss-Jünger. Während Engelhardt weitere in Deutsch-Guinea seinetwegen gestrandete Jünger abweist, erlaubt er Lützow schon bald, mit ihm unter einem Dach zu leben.

Dritter Teil

Nach kaum einem Jahr entzweien sie sich dennoch, und Lützow kommt unmittelbar nach seiner Hochzeit mit Emma Forsayth bei einem Unfall im Hafen von Rabaul ums Leben. Da Engelhardts exzentrische Lebensweise beim Gouverneur der Kolonie Albert Hahl nach anfänglicher Sympathie auf Unbehagen stößt, engagiert dieser den Kapitän Slütter zur Ermordung des Einsiedlers. Als Slütter auf Engelhardt trifft, sieht er davon ab, ihn zu erschießen, und lässt ihn laufen. Auch Engelhardts treuer Arbeiter Makeli verlässt die Gemeinschaft.

Mit Beginn des Ersten Weltkrieges endet die kurze Geschichte von Kabakon als Kokosnuss-Plantage; die Kolonie wird von australischen Soldaten besetzt und Engelhardt mit einem kläglich niedrigen Betrag enteignet. Er lehnt das Geld ab und verschwindet.

Erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs taucht Engelhardt auf der weit abgelegenen Insel Kolombangara völlig abgemagert und verwirrt auf und wird von amerikanischen Soldaten auf eine ihrer Basen verbracht. Ein Journalist des US-Militärs nimmt Engelhardts Geschichte auf. Die Geschichte endet mit der Hollywood-Verfilmung von Engelhardts Leben.

Analyse

Mit Imperium lehnt sich Kracht an das Genre des Historien- und Abenteuerromans an. Beide Gattungen werden jedoch als Referenzrahmen ständig verschoben und ironisch ad absurdum geführt. In der historischen Rückschau haben beispielsweise Figuren wie August Engelhard, Max Lützow oder der Gouverneur Albert Hahl existiert und standen in Kontakt miteinander. Nur sind im Roman die Details ihres Zusammenspiels frei erfunden. Kracht sagt darüber im Interview mit dem ARD-Magazin Druckfrisch: „Es ist eigentlich ein großes Spiel mit auftauchenden Figuren, die eintauchen und wieder auftauchen.“[1] Auch das Abenteuer des Romans, dessen Handlung sich wie im Robinson Crusoe auf einer Insel entfaltet, nimmt im weiteren Verlauf immer absurdere Züge an. Bei Defoe findet der Protagonist auf dem Eiland seinen christlichen Glauben und treibt es zu einer wirtschaftlichen Blüte. Bei Kracht versteigt er sich dort immer tiefer in die absurde Ideologie des Kokovorismus, gerät zunehmend in eine verlotterte Misswirtschaft und endet als verwahrloster Kannibale.

Einige Figuren des Romans wie Kapitän Slütter und Pandora entlehnte Kracht der „Südseeballade“ um Corto Maltese von Hugo Pratt. Andere Figuren wie Herr November sowie das Titelbild des Romans wurden aus Frank le Galls Comic-Reihe Theodor Pussel entnommen.

Rezeption

Georg Diez schreibt 2012 anlässlich des Erscheinens des Romanes Imperium im Magazin Der Spiegel, Christian Kracht sei der Céline seiner Generation. Imperium sei „durchdrungen von einer rassistischen Weltsicht“. An Krachts Beispiel „könne man sehen, wie antimodernes, demokratiefeindliches, totalitäres Denken seinen Weg findet hinein in den Mainstream.“[2] Dieser Einschätzung wurde umgehend widersprochen – etwa durch Jan Küveler in der Welt, der kontert: „Nun muss man in Diez indes einen Wegbereiter der Ironiefreiheit erkennen. Denn die meisten Zitate, die Diez für sein denunziatorisches Pamphlet böswillig aus dem Zusammenhang reißt, sind allenfalls Beweis für Krachts Humor.“[3] Felicitas von Lovenberg spricht in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von dem „Versuch, eine literarische Neuerscheinung durch eine ganz und gar unliterarische Lesart zu vernichten.“[4] Auch der Soziologe Manfred Clemenz konstatiert bei Diez’ Kritik ein falsches Literaturverständnis.[5]

Der Diez’schen Einschätzung des Romans[6] steht eine Mehrheit positiver Rezensionen des Romans gegenüber, unter anderem durch Felicitas von Lovenberg[7] und Julia Encke in der FAZ, Richard Kämmerlings in der Welt[8] oder Erhard Schütz im Freitag.[9] Am deutlichsten wird Lothar Schröder für die Rheinische Post: „Dieser Vorwurf ist intellektuell beschämend. Er ist irrwitzig und obendrein ungerecht einem Buch gegenüber, das seit Kehlmanns Vermessung der Welt zu den besten, geistreichsten und eloquentesten deutschen Romanen zählt.“[10]

Helge Malchow, Kiepenheuer & Witsch, Verleger von Christians Krachts Imperium, erhält im Spiegel die Gelegenheit, auf Diez’ Rezension an selber Stelle zu antworten: „So wird aus Literaturkritik der Versuch der Ausgrenzung eines der begabtesten deutschsprachigen Schriftsteller, und aus einer Buchbesprechung wird eine Denunziation, gegen die das Opfer sich nun rechtfertigen muss. McCarthy reloaded.“[11]

Antonia Baum sieht Christian Kracht für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung in der „Hölle der Ironie“ gefangen, und das nicht erst mit Imperium, sondern seit den späten „achtziger Jahren“ beim Magazin Tempo in „deren Büroräumen der damalige Volontär Kracht seinen ersten Roman schrieb.“ Krachts „Lustigsein“ ist für Baum ein „verzweifeltes“, „genauso verzweifelt, wie diejenigen, die das alles lesen und verstehen müssen und die dann, aus Ehrfurcht vor dem Großschriftsteller Kracht, vielleicht eben einfach lachen und sich verbeugen, statt zu sagen, dass sie etwas nicht verstanden haben.“[12]

Sabine Vogel verteidigt den Roman in der Frankfurter Rundschau gegen den Vorwurf der „Nazigesinnung“. Allerdings urteilt sie, dass „Krachts gespreizte Manieriertheit“, die offenbar Thomas Mann imitiere, ziemlich bald nervt: „Da ist der schnöde Heizer ein ′Demiurg gegen die Impertinenz der Weltenunordnung’ und das ′Ektoplasma wird in geordnete Schranken‘ geleitet. Dass Krachts Engelhardt dann auch noch von ′Nordmännern‘ deliriert und Kindern, ′deren blondes Haar zu Kränzen auf ihren Häuptern verflochten war’“, sei „grauenhafter Rollenprosa-Kitsch“. Ihr Fazit lautet: „[…] um mit der Gestelztheit der Kracht’schen Diktion zu sprechen: man kommt nicht umhin zu sagen, dass der Roman ein recht hanebüchener Schmarrn ist.“[13]

Kracht reagierte auf die Vorwürfe von Diez in der Sendung Druckfrisch mit dem Satz „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdecken.“ Er zitierte damit den Titel eines Kunstwerks von Martin Kippenberger.[14]

Auszeichnungen

Adaptionen

Literatur

Ausgaben

Imperium wurde bislang ins Spanische, Koreanische, Türkische, Dänische, Russische, Rumänische, Kroatische, Ungarische, Hebräische, Englische, Mazedonische, Estnische,[21] Schwedische[22], Italienische, Norwegische[23], Französische und Tschechische[24] übersetzt.

Sekundärliteratur

  • Hannah Gerlach: Relativitätstheorien: Zum Status vom 'Wissen' in Christian Krachts Imperium. In: Acta Germanica/German Studies in Africa: Jahrbuch des Germanistenverbandes im Südlichen Afrika/Yearbook of the Association for German Studies in Southern Africa 41, 2013, S. 195–210.
  • Robin Hauenstein: ‚Ein Schritt zurück in die exquisiteste Barbarei‘ – Mit Deutschland in der Südsee: Christian Krachts metahistoriographischer Abenteuerroman Imperium. In: Germanica 55, 2014, S. 29–45.
  • Matthias M. Lorenz: Coppola und Conrad: Intertextualität als Rassismuskritik in Imperium und Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten. In: Acta Germanica/German Studies in Africa: Jahrbuch des Germanistenverbandes im Südlichen Afrika/Yearbook of the Association for German Studies in Southern Africa 42, 2014, S. 66–77.
  • Rebecca McMullan: Island in the Sun: Pre-modern Nostalgia and Hyperreality in Christian Kracht's Imperium. In: Germanistik in Ireland: Yearbook of the German Studies Association of Ireland 9, 2014, S. 75–87.
  • Charlotte Pastiche: Interpretation und Analyse für den Unterricht. Christian Kracht: Imperium. Norderstedt 2020, ISBN 978-3-7519-5946-9.
  • Catherine Repussard: Ein bisschen Südsee und ein gutes Maß Lebensreform: Das Rezept für das beginnende 21. Jahrhundert? Marc Buhls Paradies des August Engelhardt (2011) und Christian Krachts Imperium (2012). In: Recherches Germaniques 42, 2012, S. 77–98.

Einzelnachweise

  1. Denis Scheck spricht mit Christian Kracht über dessen Buch Imperium. In: Druckfrisch vom 25. März 2012. Link auf YouTube.
  2. Georg Diez: Die Methode Kracht in: Der SPIEGEL 7/2012 (13. Februar 2012), abgerufen am 1. April 2013
  3. Jan Küveler: Kritiker schreit Nazi-Mordio gegen Christian Kracht. https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article13866600/Kritiker-schreit-Nazi-Mordio-gegen-Christian-Kracht.html
  4. Felicitas von Lovenberg: Kein Skandal um Christian Kracht, Artikel, 15. Februar 2012, FAZ, abgerufen am 15. Februar 2012
  5. Manfred Clemenz: Literatur und „demokratischer Diskurs“ in L.I.S.A.
  6. Georg Diez: Meine Jahre mit Kracht. In: Der Spiegel. Nr. 09/2012, 2012.
  7. Felicitas von Lovernberg: Ein kultischer Verehrer von Kokosnuss und Sonnenschein.
  8. Richard Kämmerlings: Der einzig wahre Gott ist die Kokosnuss.
  9. Erhard Schütz: Kunst, kein Nazikram.
  10. Lothar Schröder, Rheinische Post, "Imperium" – der große Roman von Christian Kracht. https://rp-online.de/kultur/imperium-der-grosse-roman-von-christian-kracht_aid-13822407
  11. Helge Malchow: Blaue Blume der Romantik. In: Der Spiegel vom 18. Februar 2012
  12. Antonia Baum: Hölle der Ironie. In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung vom 19. Februar 2012
  13. Sabine Vogel: Hitler war kein Hippie. In: Frankfurter Rundschau vom 16. Februar 2012
  14. Autor Christian Kracht über sein Buch: „Ich kann kein Hakenkreuz entdecken“. In: Die Tageszeitung: taz. 21. März 2012, ISSN 0931-9085 (taz.de [abgerufen am 12. Mai 2023]).
  15. abgerufen am 11. Juni 2012
  16. Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2012 für Christian Kracht (Memento vom 3. März 2016 im Internet Archive) Bücher.at, abgerufen am 4. Oktober 2012
  17. abgerufen am 5. Juni 2016
  18. Thalia-Theater: Imperium nach dem Roman von Christian Kracht, abgerufen am 28. Februar 2016
  19. ORF.at: Der Traum von der Kokosnussgesellschaft, abgerufen am 28. Februar 2016
  20. [1], abgerufen am 16. September 2019
  21. https://www.raamatukoi.ee/cgi-bin/raamat?215837
  22. http://www.ersatz.se/bok_kracht2.htm
  23. http://www.pelikanen.no/bok/imperium
  24. http://www.worldcat.org/oclc/892781018