Du bist Deutschland

Du bist Deutschland ist eine auf "mehr Zuversicht" gerichtete nationalistische Medienkampagne, die vom 26. September 2005 bis zum 31. Januar 2006 angelegt ist.

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Die Kampagne

Die Kampagne "Du bist Deutschland" wurde von der Initiative "Partner für Innovation" in Auftrag gegeben. Dies ist ein Zusammenschluss aus rund 200 Unternehmen, Verbänden und Institutionen, die von zahlreichen Prominenten unterstützt wird (siehe auch: Träger/Unterstützer). Ziel ihrer politischen Öffentlichkeitsarbeit ist eine positive Identifikation mit der Nation Deutschland durch 1,6 Milliarden Rezipientenkontakte innerhalb des Zeitraumes voranzutreiben. Im Zentrum der Arbeit stehen dabei großformatige Zeitungsanzeigen, Plakatierung und mehrminütige Fernseh- und Kinowerbespots. Laut Presseprospekt sei sie "die größte Social Marketing Kampagne in der Mediengeschichte der Bundesrepublik".


Inhalt

Die Kampagne zielt auf ein neues deutsches Nationalgefühl ab und erhofft sich davon ausgehend weitere standortpolitische- und ökonomische Vorteile zugunsten des Staates.

Slogan

Du bist Deutschland als Motto spricht die Zielgruppe auf einer persönlichen Ebene an ("Du"). Es trägt die Botschaft, das Individuum gehöre zu einem übergeordneten Ganzen ("Deutschland"). Damit werden deutsche Staatsangehörige mit dem unnatürlichen Konstrukt "Nation" in Relation gesetzt. Währenddessen wird diese dabei aber als etwas positives und übernatürlich Größeres gesetzt.

Der Slogan findet sich über verschiedene Medien auch in modifizierter Form mit deutschen Führungspersönlichkeiten publiziert. Unter anderem "Du Bist Max Schmeling" oder Alice Schwarzer. Erinnerung an den deutschen Nationalsozialismus, welche durch die bewusste Betonung des Einzelnen als Teil eines sich als Nationalstaat konstituierenden Kollektivs impliziert würde, rückte viele Kritiker auf den Plan. Diese Assoziationen sind insbesondere vor dem Hintergrund der schlechten wirtschaftlichen Lage und den unmittelbaren Konsequenzen für die Gesellschaft zu sehen.

In diesem Zusammenhang taucht auch Albert Einstein auf. Dieser legte bereits Ende des 19. Jahrhunderts die deutsche Staatsbürgerschaft ab und äußerte sich zu seinem Verhältnis mit der Nation einmal wie folgt:

Wenn ich mit meiner Relativitätstheorie recht behalte, werden die Deutschen sagen, ich sei Deutscher und die Franzosen, ich sei Weltbürger. Erweist sich meine Theorie als falsch werden die Franzosen sagen, ich sei Deutscher, und die Deutschen, ich sei Jude.“ - Albert Einstein, undatiertes Zitat

Spätestens nach der Zeit des Nationalsozialismus wollte er gar nichts mehr mit Deutschland zu tun haben.

Aussagen

Die Kampagne umfasst ein als gesellschaftliches "Manifest" bezeichnetes Statement, welches auch den Inhalt des Werbespots ausmacht. Elena Lange, Sängerin der Band Stella wies im Rahmen einer Veranstaltung der Initiative "I Can´t Relax In Deutschland" am 8. Oktober 2005 in Frankfurt darauf hin, dass sich die Kampagne "Du Bist Deutschland" „den Mitteln der Romantik durch das spielen mit primitiven Metaphern“ bediene. Damit wird der Anschein erweckt, als wäre alles mit Hilfe eines Automatismus zu ermöglichen. André Breton meinte dazu, es sie „die Rache des Lustprinzips am Realitätsprinzip“. Die zerklüfteten Ungleichheiten zwischen den Menschen würden geebnet, ohne die Unterschiede gleichzumachen.

„Ein Schmetterling kann einen Taifun auslösen. Der Windstoß, der durch seinen Flügelschlag verdrängt wird, entwurzelt vielleicht ein paar Kilometer weiter Bäume. Genauso wie sich ein Lufthauch zu einem Sturm entwickelt, kann Deine Tat wirken. [...] Dein Wille ist wie Feuer unterm Hintern. [...] Doch einmal haben wir schon eine Mauer niedergerissen. Deutschland hat genug Hände, um sie einander zu reichen und anzupacken. Wir sind 82 Millionen. Machen wir uns die Hände schmutzig. Du bist die Hand. Du bist 82 Millionen. Behandle Dein Land doch einfach wie einen guten Freund. Meckere nicht über ihn [...] Du bist Deutschland.“ - Auszüge aus der Präambel der Kampagne "Du Bist Deutschland", hier in voller Länge.


Darüber hinaus gibt es noch zahlreiche auf der Homepage der Initiative nachzulesende Statements in zahlreichen Werbeanzeigen. Zu einigen Prominenten lässt sich dort auch ein Interview herunterladen.


Ich kann mein Land nicht behandeln wie den letzten Dreck. Sondern mein Land ist mein Kumpel“ - Joahnnes B. Kerner

Kerner fordert kumpelhaftes Gefühl zu seinem Land aufzubauen. Der Kritikerzusammenschluss von "I Can´t Relax In Deutschland" entgegnet hingegen, dass eine Nation kein natürliches Lebewesen ist, welches man Lieb haben kann und verweisen darauf, dass ein Staat immer auch Gewalt, aufgrund der Durchsetzung eigener Interessen nach innen und außen, bedeute. Dieses würde ein kritisches Verhältnis dazu erfordern.

Wenn wir im Kopf einfach einen Schalter umlegen [...], glaube ich dass das dann besser wird.“ - Günther Jauch

Das "Manifest" wie auch derlei Aussagen wecken bei Kritikern Assoziationen autoritärer Herrschaftssysteme, die ihre Methoden auch meist mit einem als "Manifest" bezeichneten Grundsatz begründeten.

Wir können uns dafür Engagieren, eine ganze Reihe von Dingen, die sich in den Köpfen festgesetzt haben dort raus zu kriegen “ - Ulrich Wickert
Wenn die Leute freudig sind, dann können sie noch mehr leisten.“ - Oliver Pocher

Die von Elena Lange (Stella) erwähnte Romantik stellt die Rationalität in Frage. Durch dieses Stilmittel gewinnen Zustände wie etwa Rausch oder Traum an Bedeutung. Die gezielte Irrationalität setzt bei "Du Bist Deutschland" auf ein divergierendes Prinzip des menschlichen Geistes. Hier wird die rationale Wirklichkeit (Ängste, Probleme) durch surreale Phantasma (sehnliche Wünsche) ersetzt.



Datei:Du bist Deutschland.jpg
Logo der Kampagne "Du Bist Deutschland"
Karrikatur der Gegenseite. Hier ein Entwurf der Musikgruppe Lütten aus Hamburg

Das für die Kampagne erstellte Piktogramm besteht aus drei Flächen, deren Farbgebung die deutschen Nationalfarben enthält und eine voranschreitende Person darstellen soll. Es weist eine starke Ähnlichkeit zum Logo der Olympischen Spiele in Barcelona [1](1992) auf. Die Hamburger Band Lütten brachte eine Variation in Umlauf, welche das Logo als einen "Hunde-Köttel" darstellt.

Wirkung

Statistisch werden 1,6 Milliarden Kontakte medial erzielt. Dies entspricht einer rechnerischen Reichweite von 98 Prozent. Jeder Deutsche soll somit durchschnittlich 16-mal erreicht werden. Das Mediavolumen (Stand 23. September 2005) setzt sich zusammen aus:

Zeitschriften:

  • 40 Titel, Auflage in Tausend: 26.072,3
  • Kontakte in Mio.: 625,5
  • Schaltvolumen: 11.267.051 Euro

Zeitungen:

  • 8 überregionale Titel, Auflage in Tausend: 2.195,6
  • 13 regionale Titel
  • Auflage in Tausend: 2.854,8
  • Kontakte in Mio. gesamt: 82,8
  • Schaltvolumen gesamt: 5.378.799 Euro

TV:

  • 11 Sender
  • Kontakte in Mio. gesamt: 761,3
  • Schaltvolumen gesamt: 12.500.000 Euro

Kino:

  • 1.866 Theater in 343 Orten
  • Kontakte in Mio. gesamt: 32,4
  • Schaltvolumen gesamt: 984.998 Euro

Plakat:

  • 2.326 Mega-Lights (18/1) in 80 Orten
  • Kontakte in Mio. gesamt: 84,8
  • Schaltvolumen gesamt: 999.994 Euro

Träger der Kampagne

Fernsehen
ARDPremiere FernsehenProSiebenSat.1RTL Gruppe DeutschlandZDF
Print
Axel SpringerHeinrich Bauer VerlagHubert Burda MediaFrankfurter Allgemeine ZeitungJahreszeiten Verlag Gruner & JahrHeise Medien GruppeVerlagsgruppe Georg von HoltzbrinckZeitungsgruppe IppenVerlagsgesellschaft MadsackMotor Presse StuttgartDER SPIEGELSüddeutscher VerlagWAZ-MediengruppeZeitungsgruppe Stuttgart
Online
RTL InteractiveTOMORROW FOCUST-Online
Plakat
Ströer Out-of-Home Media
Kino
WerbeWeischer


Für die gestalterische Konzeptionierung ist die Werbeagentur Jung von Matt zuständig. Das "Kampagnenbüro" leitet die fischerAppelt Kommunikation GmbH (Hamburg).

Unterstützer

Gerald AsamoahReinhold BeckmannBobby BrederlowYvonne CatterfeldSarah ConnorWojtek CzyzJustus Frantz und OrchesterMaria FurtwänglerGünther JauchOliver KahnWalter KempowskiJohannes B. KernerOliver KorritkeWalter LangeFlorian LangenscheidtPatrick LindnerSandra MaischbergerXavier NaidooMinh-Khai Phan-ThiOliver PocherDominic RaackeMarcel Reich-RanickiHans Martin RüterKool SavasHarald SchmidtGabriele & Gerd StrehleUlrich WickertAnne WillDr. Martin WinterkornKatarina Witt


Kritik

Die Taz spricht davon, dass mittels einer "neoliberalen Wundertüte" die "von Depressionen und Zukunftsängsten geschüttelten Deutschen wieder auf gute Laune getrimmt werden" würden (taz v.26.9.05) und die Verantwortung von Staat und Wirtschaft für das „Schicksal des Landes“ dabei auf den Einzelnen abgeschoben werde (taz v. 29.9.05). Die Berliner Zeitung kritisiert die "Volkskörperrhetorik" der Kampagne und hält die Aktion für eine "Verhöhnung des Publikums", da hier "Prominente gegen Realitäten anschwärmen" würden, die "deutsche Misere" aber nicht durch "mentales Training" zu beseitigen sei (BZ v.30.9.05). Die Zeit spricht von "Propaganda", "Schwachsinn" und einem "Höhepunkt an Zynismus" (Die Zeit v. 6.10.05). Der Appell an die Verantwortung des Einzelnen für sich selbst und das Gemeinwohl sei zu begrüßen, die Medienkampagne dürfe aber nicht ablenken von der Verantwortung der Entscheidungsträger für die Lösung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme, da diese nicht vom Einzelnen allein durch positives Denken bewältigt werden könnten, so Sabine Eichler im Main-Rheiner (MR v.8.10.05).

Die Initiative I Can´t Relax In Deutschland bezeichnet den sich mittels der Kampagne "Du Bist Deutschland" sich Ausdruck verleihenden Nationalismus als "neuen Nationalismus". Marvin Alster skizziert als dessen wesentliches Merkmal ein geändertes Deutschlandbild seit 1990 gegenüber dem Onlineportal der Süddeutsche Zeitung „Jetzt“. Darin stehe ein Bruch mit der deutschen Vergangenheit und eine Instrumentalisierung dieser. Xavier Naidoo, welcher für den Kampagnen-Videodreh vor dem Holocaust-Mahnmal posierte, stünde so für ein Deutschlandbild, welches seine Vergangenheit bewältigt zu haben glaube und deshalb diese meint abschließen zu können. "I Can´t Relax In Deutschland" möchte sich mit zahlreicher prominenter Unterstützung (u.a. Tocotronic, Kettcar, Mouse On Mars) und eigener Medienarbeit dahingehend entgegen wirken.

siehe auch

Offiziell

Kritisch

Sonstiges