Miniatur (Literatur)

Miniatur, speziell Prosa-Miniatur und lyrische Miniatur, bezeichnet als Gattung in der Literatur ganz allgemein einen sehr kurzen Text, und wird – undifferenziert und je nach thematischem Zusammenhang – als Synonym für Begriffe wie Kurzgeschichte, Novelle, Fragment, Anekdote, Vignette, Microfiction, Nanofiction oder Flash Fiction verwendet.

Die literarisch präzisere Definition von Miniatur – der Begriff wurde, wie auch Vignette, analog zu dem Begriff in der Malerei gewählt – ist „bildhafte Beschreibung, kurzer Text mit zahlreichen, mit Wörtern gemalten Bildern“.

Definitionen und Beispiele

Miniatur ist bis auf die relative Kürze des Textes nicht einheitlich definiert. Eine sehr allgemeine Definition versteht Miniatur aufgrund der Kürze als Synonym von Kurzgeschichte, Novelle, Fragment, Anekdote, Vignette, Microfiction, Nanofiction und Flash Fiction.[1]

Eine weitere Definition bezieht sich auf die Analogie des Begriffs zur Malerei, wobei die literarische Miniatur mit Worten ein Bild zeichnet.

Prosa-Miniaturen

Prosa-Miniatur ist eine literarische Gattung der Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, die besonders mit bildhafter Beschreibung arbeitet: „Texte, die sich zahlreicher - mit Wörtern gemalter - Bilder bedienen“.[2] In dieser Bedeutung verwendet Christina Niem[3] den Begriff: „Indem Tetzner Miniaturen gesellschaftlicher Zustände der Jahre nach dem Ersten Weltkrieg, der Wirtschaftskrise und Inflation zu Beginn der Weimarer Republik zeichnete, führte sie ganz unprätentiös und ohne besondere Kommentierung soziale Realität vor.“[4]

Stefan Zweig (1881–1942) spezifizierte sein 1927 erschienenes Werk Sternstunden der Menschheit[5] mit dem erklärenden Zusatz Vierzehn historische Miniaturen[6] und zeichnet darin 14 Geschichtsbilder aus seiner ganz persönlichen Sicht.

Weitere Prosa-Miniaturen finden sich in den Werken von Robert Walser (1878–1956), Franz Kafka (1883–1924) und Robert Musil (1880–1942) und werden aufgrund ihrer Kürze und Intensität als von „großer poetischer Kraft und Konzentration“ wahrgenommen.[7]

Lyrische Miniaturen

Bekannte Formen lyrischer Miniaturen sind Haiku (jap. 俳句;), japanischen Kurzgedichte, und Haiku enthaltende Haibun (jap. 俳文 für possenhafte Schilderung[8]),[9] sowie sich an Haiku orientierende kurze Gedichte wie das oft zitierte In a Station of the Metro (In einer Station der Metro) von Ezra Pound (1885–1972), das ausschließlich „ein Bild“ hervorruft und „keine Handlung“ (kein Verb) hat:

“The apparition of these faces in the crowd:
Petals on a wet, black bough.[10]

„Das Erscheinen dieser Gesichter in der Menge:
Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Ast.[11]

Zu den lyrischen Miniaturen Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts[12] werden Gedichte von Erich Kästner (1899–1974) und Kurt Tucholsky[13] (1890–1935) gezählt: „Die lyrische Miniatur, das schnell zu konsumierende, leicht zu verstehende Gedicht war durch Erich Kästner und Kurt Tucholsky zum zeittypischen Muster geworden...“[14], sowie Werke der späten Lyrik Bertolt Brechts (1898–1956)[15] und die des Mongolen Daschdordschiin Natsagdordsch (1906–1937), des „Meisters der lyrischen Miniatur“[16].

Vor dieser Periode erfährt Friedrich Hölderlin (1770–1843)[17], danach Elena Andreevna Švarc (Jelena Schwarz) (1948–2010)[18] Erwähnung.

Siehe auch

Einzelnachweise und Erläuterungen

  1. Karl Schubert: Untersuchungen zur Darbietungsform der Kurzprosa von Stephen Crane. K.Urlaub, 1968, S. 28 (google.com).
  2. Niedersächsischer Bildungsserver: Prosa-Miniatur; abgerufen am 13. März 2017.
  3. Institut für Film-, Theater- und empirische Kulturwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz: Dr. Christina Niem (Memento vom 19. März 2017 im Internet Archive); abgerufen am 15. März 2017.
  4. Christina Niem: Lisa Tetzners Märchenwanderungen. Eine Miniatur zum Thema „Licht und Schatten“, in &. Zeitschrift für Kulturanthropologie/Volkskunde, Nr. 13 (2009), S. 13–19.
  5. Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit: Vierzehn historische Miniaturen. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1964, ISBN 3-10-097051-9
  6. Michaela Slaná: Stefan Zweig: Sternstunden der Menschheit, Philosophische Fakultät der Masaryk-Universität, Brünn (2014); abgerufen am 16. März 2017.
  7. Bernhard Böschenstein,: Die Sprengkraft der Miniatur. Zur Kurzprosa Robert Walsers, Kafkas, Musils, mit einer antithetischen Eröffnung zu Thomas Mann, Hildesheim: Olms (2013) (= Germanistische Texte und Studien, Bd. 91).
  8. Nach Matsuo Bashōs Literaturtheorie sollte ein gelungenes Haibun auch Anspielungen auf Gedankenbilder berühmter Dichter, Gelehrter, Mönche usw. enthalten.
  9. Birgit Heid: Miniaturen aus der Pfalz: Haibun. Books on Demand, 2015, ISBN 978-3-7386-7980-9, S. 2 (google.com).
  10. Frauke Berndt und Stephan Kammer: Amphibolie, Ambiguität, Ambivalenz. Königshausen & Neumann, 2009, ISBN 978-3-8260-4000-9, S. 227 (google.com).
  11. Dieter Lamping: Handbuch Lyrik: Theorie, Analyse, Geschichte. J.B. Metzler, 2016, ISBN 978-3-476-05479-1, S. 446 (google.com).
  12. Dagmar Herrmann, Johanne Peters und Volker Pallin: Deutsche und Deutschland in russischer Lyrik. Fink, 1988, S. 230 (google.com).
  13. Klaus Hammer: Fünf Finger einer Hand, Das Blättchen, 10. Jahrgang (Berlin), 3. September 2007, Heft 18; abgerufen am 18. März 2017.
  14. Ruth Mariß: "In dieser Stadt mit vier Millionen Seelen scheint eine Seele ziemlich rar zu sein": Mascha Kalékos Gedicht ́Auf einen Café-Tisch gekritzelt ́ und das Ende der Liebe in der großen Stadt. Books on Demand, 2013, ISBN 978-3-7322-2540-8, S. 10 (google.com).
  15. Helmut Koopmann: Brechts Lyrik: neue Deutungen. Königshausen & Neumann, 1999, ISBN 978-3-8260-1689-9, S. 149– (google.com).
  16. Weimarer Beiträge. Aufbau-Verlag, 1984, S. 2003 (google.com).
  17. Friedrich Strack: Titan Technik: Ernst und Friedrich Georg Jünger über das technische Zeitalter. Königshausen & Neumann, 2000, ISBN 978-3-8260-1785-8, S. 227 (google.com).
  18. Bernhard Symanzik: Miscellanea Slavica Monasteriensia. LIT Verlag Münster, 2013, ISBN 978-3-643-12348-0, S. 501 (google.com).