„Georges Sorel“ – Versionsunterschied

[ungesichtete Version][ungesichtete Version]
Inhalt gelöscht Inhalt hinzugefügt
Fundiertere Darstellung
Zeile 21: Zeile 21:
Nach Lenk entwarf Sorel keine Theorie des Politischen und der Gesellschaft: „Seine Bedeutung beruht im Wesentlichen auf wirkungsgeschichtlichen Impulsen, die von seiner spezifischen Marxismusrezeption auf den französischen und italienischen Syndikalismus und mehr noch auf den europäischen Nationalismus und Faschismus des 20. Jahrhunderts ausgingen. (…) Er transformiert die ökonomischen Analysen der marxistischen Kapitalismuskritik in primär moralisch getönte proletarische Befreiungskämpfe gegen die bürgerlich-liberale Dekadenz.“<ref>Lenk 2005, S. 58</ref> Wie [[Henri Bergson]] oder [[Ernst Jünger]] ging es Sorel nach Lenk um die Ausrufung eines ''permanenten Ausnahmezustandes'': „Stets geht es letztlich um eine Entscheidung zwischen Untergang oder Rettung durch irgendwelche heroische Taten.“<ref>Lenk 2005, S. 61</ref> Im Zentrum von Sorels Denken steht daher der [[Krieg]]: „Das Ethos, das dem revolutionären Mythos entspricht, ist kriegerisch. Es sind die Tugenden des Soldaten, die Sorel hervorhebt: Mut, Tapferkeit, Selbstbeherrschung und Selbstverzicht, Opferbereitschaft.“ <ref>Hans Barth: ''Masse und Mythos. Die ideologische Krise an der Wende zum 20. Jahrhundert und die Theorie der Gewalt: Georges Sorel''. Hamburg 1959, S. 90</ref>
Nach Lenk entwarf Sorel keine Theorie des Politischen und der Gesellschaft: „Seine Bedeutung beruht im Wesentlichen auf wirkungsgeschichtlichen Impulsen, die von seiner spezifischen Marxismusrezeption auf den französischen und italienischen Syndikalismus und mehr noch auf den europäischen Nationalismus und Faschismus des 20. Jahrhunderts ausgingen. (…) Er transformiert die ökonomischen Analysen der marxistischen Kapitalismuskritik in primär moralisch getönte proletarische Befreiungskämpfe gegen die bürgerlich-liberale Dekadenz.“<ref>Lenk 2005, S. 58</ref> Wie [[Henri Bergson]] oder [[Ernst Jünger]] ging es Sorel nach Lenk um die Ausrufung eines ''permanenten Ausnahmezustandes'': „Stets geht es letztlich um eine Entscheidung zwischen Untergang oder Rettung durch irgendwelche heroische Taten.“<ref>Lenk 2005, S. 61</ref> Im Zentrum von Sorels Denken steht daher der [[Krieg]]: „Das Ethos, das dem revolutionären Mythos entspricht, ist kriegerisch. Es sind die Tugenden des Soldaten, die Sorel hervorhebt: Mut, Tapferkeit, Selbstbeherrschung und Selbstverzicht, Opferbereitschaft.“ <ref>Hans Barth: ''Masse und Mythos. Die ideologische Krise an der Wende zum 20. Jahrhundert und die Theorie der Gewalt: Georges Sorel''. Hamburg 1959, S. 90</ref>


Auf Sorel beriefen sich viele Intellektuelle des revolutionären [[Syndikalismus]], von denen einige zum [[Faschismus]] übertraten. Auch Mussolini bezog sich direkt auf Sorel. Die Lehren von Sorel haben den [[Futurismus]] beeinflusst sowie ideengeschichtlich die Entwicklung des Nationalsozialismus gefördert.
Auf Sorel beriefen sich ebenso viele Intellektuelle des [[Leninismus]] als auch des revolutionären [[Syndikalismus]], von denen einige zum [[Faschismus]] übertraten. Auch Mussolini bezog sich direkt auf Sorel. Die Lehren von Sorel haben den [[Futurismus]] beeinflusst sowie ideengeschichtlich die Entwicklung des Nationalsozialismus gefördert. <ref>Gaetan Picon (Hrsg.): Panorma des zeitgenössischen Denkens, S. Fischer, 1961, S. 291</ref>


[[Hans Barth]] weist in seiner Analyse der Sorelschen ''Apologie der Gewalt'' allerdings zurecht darauf hin, dass Sorel in Mythos und gewaltsamen Wettstreit vor allem die moralische Qualität sah: „Brutale Willkür und das durch Selbstsucht bestimmte Verhalten mögen (…) eine andere Bezeichnung erhalten; Gewalt im Sinne Sorels kann man sie nicht nennen. Man sollte auch nicht vergessen, dass der Kampf als das Ergebnis der antagonistischen Struktur des Menschen für Sorel in letzter Instanz ein Kampf für Recht und Gerechtigkeit ist.“ <ref>Barth 1959, S. 102</ref> Sorel lässt sich daher nicht umstandslos in die Ideengeschichte des Nationalsozialismus bzw. einer gewissenlosen, brutalen und rassistischen 'Herrenmoral' eintragen: „Wo verlief die Grenze zwischen einer Gewalt, die sich im Sorelschen Sinne rechtfertigen ließ, und einer Gewalt, die einem hemmungslosen ideologischen und politischen Imperialismus willfährig zu dienen bereit war?“ <ref>Barth 1959, S. 103</ref> Obwohl Barth damit Differenzen sichtbar macht, konstatiert er am Ende auch, dass, „obgleich für Sorel auch die Gewalt im Dienste der moralischen Gesamterneuerung der europäischen Völker stehen sollte“, die „Auswirkung seiner Lehre doch in der schrankenlosen Machtausnutzung bestand.“<ref>Hans Barth: ''Fluten und Dämme'', Zürich 1943, S. 230</ref>
[[Hans Barth]] weist in seiner Analyse der Sorelschen ''Apologie der Gewalt'' allerdings zurecht darauf hin, dass Sorel in Mythos und gewaltsamen Wettstreit vor allem die moralische Qualität sah: „Brutale Willkür und das durch Selbstsucht bestimmte Verhalten mögen (…) eine andere Bezeichnung erhalten; Gewalt im Sinne Sorels kann man sie nicht nennen. Man sollte auch nicht vergessen, dass der Kampf als das Ergebnis der antagonistischen Struktur des Menschen für Sorel in letzter Instanz ein Kampf für Recht und Gerechtigkeit ist.“ <ref>Barth 1959, S. 102</ref> Sorel lässt sich daher nicht umstandslos in die Ideengeschichte des Nationalsozialismus bzw. einer gewissenlosen, brutalen und rassistischen 'Herrenmoral' eintragen: „Wo verlief die Grenze zwischen einer Gewalt, die sich im Sorelschen Sinne rechtfertigen ließ, und einer Gewalt, die einem hemmungslosen ideologischen und politischen Imperialismus willfährig zu dienen bereit war?“ <ref>Barth 1959, S. 103</ref> Obwohl Barth damit Differenzen sichtbar macht, konstatiert er am Ende auch, dass, „obgleich für Sorel auch die Gewalt im Dienste der moralischen Gesamterneuerung der europäischen Völker stehen sollte“, die „Auswirkung seiner Lehre doch in der schrankenlosen Machtausnutzung bestand.“<ref>Hans Barth: ''Fluten und Dämme'', Zürich 1943, S. 230</ref>

Version vom 19. Mai 2009, 08:39 Uhr

Georges Sorel

Georges Eugène Sorel (* 2. November 1847 in Cherbourg; † 29. August 1922 in Boulogne-sur-Seine) war ein französischer Vordenker des Syndikalismus und Sozialphilosoph. Da Sorel kein genaues politische Ziel vorgibt, und lediglich die liberale Demokratie ablehnt, konnten sich revolutionäre bolschewistische Bewegungen ebenso wie reaktionärer Faschismus auf ihn berufen. Die Gewalt gewinnt bei Sorel einen positiven Wert an sich, da sie der Gesellschaft Kraft zurückgebe und den Verfall der Sitten aufhalte. [1]

Philosophie

Sorel gilt als „guter Schüler von Marx“ (Sternhell). Vom Marxismus, dessen Ökonomiekritik er ablehnt und stattdessen für das Recht auf Eigentum und eine freie Marktwirtschaft plädierte, übernahm er den Gedanken des Klassenkampfes. In diesem Sinne betrachtete er sich als revolutionär. Sorel beschwor dabei einen totalitären Moralismus für die Arbeiterklasse, dessen Kampfgeist und Stärke sich nicht durch den Glauben an eine Veränderung der Lebensbedingungen, sondern durch „soziale Mythen“ entwickelt werden sollte. Sternhell et al. sehen hier eine antiaufklärerische Haltung Sorels, die mit dem „reflektierenden und diskursiven Denken“ bricht. Der Sorelsche Mythos - z.B. der vom Generalstreik - „erschafft Legenden, die der Mensch lebt, statt die Geschichte zu leben, er erlaubt, einer erbärmlichen Gegenwart zu entfliehen, gewappnet mit einem unerschütterlichen Glauben.“[2] Nach Lenk verbirgt sich hier der kulturpessimistische Begriff der Dekadenz bei Sorel: „Mit dem Ende der Produzentenmoral ihrer Frühzeit habe (nach Sorel. Anm. A.) die Bourgeoisie sich in die Passivität eines Konsumismus verloren, aus welcher der politische Generalstreik der Arbeiter sie nun vertreiben soll.“[3]

Der Begriff des Mythos bei Sorel, Dekadenz und Antiintellektualismus

Sorel geht es bei seinen Mythen nicht um einen Inhalt, sondern um die Fähigkeit der Mythen, Gemeinschaften zu bilden.

„Ein Mythos kann nicht widerlegt werden, da er im Grunde das gleiche ist, wie die Überzeugungen einer Gruppe, da er der Ausdruck der Überzeugungen in der Sprache der Bewegung ist, und da es folglich nicht angeht, ihn in Teile zu zerlegen.“[4]

Durch die Dekadenz und die Kritik der Aufklärung sieht er die Gemeinschaften, die Ordnungskategorien Religion, Sitten und Recht bedroht.

„Alle Traditionen sind verbraucht, aller Glaube abgenützt (…). Alles vereinigt sich, um den guten Menschen trostlos zu machen (…). Ich kann von der Dekadenz kein Ende sehen, und sie wird in einer oder zwei Generationen nicht geringer sein. Das ist unser Schicksal.“[5]

Sorels Schriften und Leben sind nach Lenk bestimmt von einer „glaubenslosen Glaubenssehnsucht, der formalen Bejahung von Aktivität als solcher, ungeachtet ihrer inhaltlichen Richtung und Ziele.“[6] Sein Heroismus der „reinen Tat“ kennt keine Kompromisse. Dabei verkörpert Sorel eine antibürgerliche und antiintellektuelle Lebenshaltung, die ihn attraktiv machte sowohl für den revolutionären Syndikalismus als auch für viele „Spielformen des modernen Anti-Intellektualismus“.[6]

Nach Lenk handelt es sich bei Sorels Begriff des Mythos nicht um einen Ursprungsmythos - wie in den Vorstellungen vieler konservativer Revolutionäre die „Verheißung der Wiederkehr einer verjüngten, heilen Welt“ -, sondern um einen Erwartungsmythos, der „die Vorwegnahme einer sozialen Katastrophe, einer Vernichtungsschlacht“ darstellt: „Es ist dies ein hergestellter Mythos, der mittels des Generalstreiks das Proletariat heroisch und die Bourgeoisie erneut militant machen soll. Der Sinn solch heroischer Gewaltanwendung ist weniger ein Sieg der einen über die andere Seite als die Mobilisierung emotionaler Kräfte.“[7]

Wirkung

Nach Lenk entwarf Sorel keine Theorie des Politischen und der Gesellschaft: „Seine Bedeutung beruht im Wesentlichen auf wirkungsgeschichtlichen Impulsen, die von seiner spezifischen Marxismusrezeption auf den französischen und italienischen Syndikalismus und mehr noch auf den europäischen Nationalismus und Faschismus des 20. Jahrhunderts ausgingen. (…) Er transformiert die ökonomischen Analysen der marxistischen Kapitalismuskritik in primär moralisch getönte proletarische Befreiungskämpfe gegen die bürgerlich-liberale Dekadenz.“[8] Wie Henri Bergson oder Ernst Jünger ging es Sorel nach Lenk um die Ausrufung eines permanenten Ausnahmezustandes: „Stets geht es letztlich um eine Entscheidung zwischen Untergang oder Rettung durch irgendwelche heroische Taten.“[9] Im Zentrum von Sorels Denken steht daher der Krieg: „Das Ethos, das dem revolutionären Mythos entspricht, ist kriegerisch. Es sind die Tugenden des Soldaten, die Sorel hervorhebt: Mut, Tapferkeit, Selbstbeherrschung und Selbstverzicht, Opferbereitschaft.“ [10]

Auf Sorel beriefen sich ebenso viele Intellektuelle des Leninismus als auch des revolutionären Syndikalismus, von denen einige zum Faschismus übertraten. Auch Mussolini bezog sich direkt auf Sorel. Die Lehren von Sorel haben den Futurismus beeinflusst sowie ideengeschichtlich die Entwicklung des Nationalsozialismus gefördert. [11]

Hans Barth weist in seiner Analyse der Sorelschen Apologie der Gewalt allerdings zurecht darauf hin, dass Sorel in Mythos und gewaltsamen Wettstreit vor allem die moralische Qualität sah: „Brutale Willkür und das durch Selbstsucht bestimmte Verhalten mögen (…) eine andere Bezeichnung erhalten; Gewalt im Sinne Sorels kann man sie nicht nennen. Man sollte auch nicht vergessen, dass der Kampf als das Ergebnis der antagonistischen Struktur des Menschen für Sorel in letzter Instanz ein Kampf für Recht und Gerechtigkeit ist.“ [12] Sorel lässt sich daher nicht umstandslos in die Ideengeschichte des Nationalsozialismus bzw. einer gewissenlosen, brutalen und rassistischen 'Herrenmoral' eintragen: „Wo verlief die Grenze zwischen einer Gewalt, die sich im Sorelschen Sinne rechtfertigen ließ, und einer Gewalt, die einem hemmungslosen ideologischen und politischen Imperialismus willfährig zu dienen bereit war?“ [13] Obwohl Barth damit Differenzen sichtbar macht, konstatiert er am Ende auch, dass, „obgleich für Sorel auch die Gewalt im Dienste der moralischen Gesamterneuerung der europäischen Völker stehen sollte“, die „Auswirkung seiner Lehre doch in der schrankenlosen Machtausnutzung bestand.“[14]

Die von Michael Freund ausgewählte und eingeleitete Ausgabe von Sorels Schriften mit dem Titel Der falsche Sieg (Duncker & Humblot, Berlin 1944) wurde nach Ende des Zweiten Weltkrieges in der Sowjetischen Besatzungszone auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.[15]

Werke und Schriften

  • Contribution à l'étude profane de la Bible, Paris 1889.
  • Le Procès de Socrate, Paris 1889.
  • L'ancienne et nouvelle métaphysique, 1894, herausgegeben unter dem Titel D'Aristote à Marx, Paris 1935.
  • La ruine du monde antique, Paris 1898.
  • Saggi di critica del marxismo, Palermo 1903.
  • Le système historique de Renan, Paris 1906.
  • Insegnamenti sociali della economia contemporanea, Palermo 1907.
  • La décomposition du marxisme, Paris 1908, dt.: Die Auflösung des Marxismus, Hamburg: Edition Nautilus 1978.
  • Les illusions du progrès, Paris 1908, engl. The illusions of progress, Berkeley: University of California Press 1969.
  • Réflexions sur la violence, Paris 1908, dt.: Über die Gewalt, Innsbruck: Universitäts-Verlag Wagner 1928; Frankfurt am Main: Suhrkamp 1969.
  • La révolution dreyfusienne, Paris 1909.
  • Matériaux d'une théorie du Prolétariat, Paris 1919.
  • Du l'utilité du pragmatisme, Paris 1921.

Quellen

  1. Gaetan Picon (Hrsg.): Panorma des zeitgenössischen Denkens, S. Fischer, 1961, S. 291
  2. Zeev Sternhell et al.,ebd.
  3. Kurt Lenk: Das Problem der Dekadenz seit Georges Sorel. In: Heiko Kauffmann, Helmut Kellershohn, Jobst Paul (Hg.): Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt – Analysen rechter Ideologie. Münster, 2005, S. 56
  4. Zitiert nach Lenk 2005, S. 56.
  5. Zitiert nach Lenk 2005, S. 54.
  6. a b Lenk 2005, S. 56.
  7. Lenk 2005, S. 56 f., Alle Zitate nach Lenk, s. Literatur
  8. Lenk 2005, S. 58
  9. Lenk 2005, S. 61
  10. Hans Barth: Masse und Mythos. Die ideologische Krise an der Wende zum 20. Jahrhundert und die Theorie der Gewalt: Georges Sorel. Hamburg 1959, S. 90
  11. Gaetan Picon (Hrsg.): Panorma des zeitgenössischen Denkens, S. Fischer, 1961, S. 291
  12. Barth 1959, S. 102
  13. Barth 1959, S. 103
  14. Hans Barth: Fluten und Dämme, Zürich 1943, S. 230
  15. http://www.polunbi.de/bibliothek/1946-nslit-s.html

Literatur

  • Hans Barth: Fluten und Dämme. Fretz & Wasmuth, Zürich 1943. (Zu Sorel insbes. S. 223-230.)
  • Hans Barth: Masse und Mythos. Die ideologische Krise an der Wende zum 20. Jahrhundert und die Theorie der Gewalt. Georges Sorel. Rowohlt Verlag, Hamburg 1959.
  • Richard Dale Humphrey: Georges Sorel. Prophet without honor. A Study in anti-intellectualism. Cambridge, Mass. 1951.
  • Michael Freund: Georges Sorel. Der revolutionäre Konservatismus. Klostermann, Frankfurt am Main ²1972 (1. Auflage 1932).
  • Kurt Lenk: Völkische Bande. Dekadenz und Wiedergeburt. Analysen rechter Ideologie. Unrast, Münster 2005, ISBN 3-89771-737-9. (Rezension)
  • Zeev Sternhell, Mario Sznaijder, Maia Asheri: Die Entstehung der faschistischen Ideologie. Hamburger Edition, Hamburg 1999. (Rezension, s. insb. hier zu Sorel)

affirmativ: